Von SCIO Automation • Dezember 17, 2020

Remote-Inbetriebnahme im Corona-Lockdown

Die Corona-Pandemie und insbesondere der Lockdown im Frühjahr 2020 hat die weltweite Industrie ins Schleudern gebracht. Lieferketten funktionierten nicht mehr, Produktionslinien standen still und Anlagen konnten nicht in Betrieb genommen werden. Mit letzterem Szenario hatte auch ein SCIO Kunde in Malaysia zu kämpfen. Gemeinsam mit dem Kunden wurde die erste Remote-Inbetriebnahme der SCIO Gruppe durchgeführt.

Die Ausgangslage

Schon vor längerer Zeit hatte ein langjähriger Kunde der SCIO Gruppe drei Linear Stocker mit 200 mm Kassetten für seine Reinraum-Produktion in Malaysia bestellt. Wie bei Reinraum-Projekten üblich, wurden diese Stocker zunächst an unserem Standort in Osterhofen montiert und in Betrieb genommen. Hierfür steht ein eigener Test-Reinraum zur Verfügung, in dem alle Szenarien durchgetestet werden. Im Anschluss wurden diese Stocker demontiert, verpackt und nach Malaysia per Luftfracht geflogen – inklusive drei unserer Monteure, die den Aufbau und die Inbetriebnahme vor Ort betreuen sollten. In Malaysia angekommen, konnten zwei Stocker mechanisch und elektrisch komplett remontiert werden. Doch dann folgte das Unvorstellbare: Mitte März zwingt der Corona-Lockdown in Deutschland die SCIO dazu, die Monteure aus Malaysia zurückzuholen.
Für das Projekt selbst, bedeutete dies Stillstand und damit einen herben Rückschlag im Zeitplan des Kunden, der die Stocker zeitnah für die Fertigung benötigte.

Die Herausforderung
Gemeinsam mit dem Kunden wurde daher nach einer Lösung gesucht, wie wir das Projekt in den nächsten Monaten fortführen können.

„Aufgrund der strengen Geheimhaltungsvorschriften und Patentrechte kam es für uns nicht in Frage, eine externe Firma vor Ort in das Projekt einzubinden“, erläutert Karl Kagleder, Inbetriebnehmer, die schwierige Situation.

Schlussendlich wurde sich darauf geeinigt, dass der Kunde einen Mitarbeiter aus den eigenen Reihen abstellt, der die verlängerte Werkbank unserer Inbetriebnehmer in Deutschland darstellt. Dieser Mitarbeiter vor Ort wurde von uns instruiert und mit unserer Anlage vertraut gemacht. Zu jeder Maschine wurde ein Remote-Zugang hergestellt. Zudem montierte der Kunde Webcams über der Anlage, wodurch unsere Kolleg*innen in Osterhofen sitzend die Vorgänge beobachten konnten. In Deutschland vorm Rechner sitzend mit Webcam und Remote-Zugängen zur Anlage ausgestattet, gaben die Kolleg*innen dem Mitarbeiter des Kunden genaue Anweisungen, was er wie zu montieren und testen hat.

Eine große Herausforderung war dabei der fehlende Sichtkontakt bei der Inbetriebnahme: Die Kassetten müssen auf 1/10tel mm genau positioniert und im Regal abgesetzt werden, um zu verhindern, dass Partikel erzeugt werden.

Auch fehlendes Equipment und Werkzeug verzögerten den Ablauf teilweise und musste zunächst beschafft werden. Hinzu kamen die Zeitverschiebung von 6 Stunden zu Malaysia, was dank des flexiblen Arbeitseinsatzes der Inbetriebnehmer und Monteure in Osterhofen nur zu geringen Verzögerungen führte.

Schlussendlich stellte die sicherheitstechnische Abnahme vor Ort eine besondere Herausforderung dar. Hier mussten wir zu Beginn erst eine Strategie entwickeln, da bis dato noch keine Remote-Inbetriebnahme durchgeführt worden war. Auch hier haben wir gemeinsam mit dem Kunden eine Vorgehensweise erarbeitet, um am Ende guten Gewissens eine CE-Erklärung unterschreiben zu können: Während der Arbeiter vor Ort die technischen Tests auf unsere Anweisungen hin durchführte, protokollierten die Kolleg*innen in Deutschland alles.


Exkurs: Linear Stocker mit 200 mm Kassetten
Die zur SCIO Gruppe gehörende Schiller Automatisierungstechnik GmbH bietet ihren Kunden hauseigene Intralogistik-Lösungen für den Reinraum an. Diese kommen beispielsweise in der Halbleiterherstellung zum Einsatz. Der Linear Stocker ist die skalierbare und zuverlässige Lösung für die dezentrale Lagerhaltung im Reinraum. Manuelle I/O-Ports sowie die Anbindungsmöglichkeit an OHT- oder Conveyor-Systeme erlauben den flexiblen Einsatz des Linear Stocker in der Produktionsumgebung. Der Linear Stocker kann flexibel für den Transport und die Einlagerung individueller, kundenspezifischer Produkte konzipiert werden, z.B. Warenträger, 200/300mm Kassetten u.v.m.



Das Ergebnis
Mittlerweile laufen die zwei Stocker im Testbetrieb. Sobald die Unterschriften zur sicherheitstechnischen Abnahme aus Malaysia vorliegen, kann die Einbindung in die Produktion starten. Für den dritten Stocker, der vor dem Lockdown noch nicht remontiert gewesen war, wird momentan eine Lösung gesucht.

Insgesamt hat die Kommunikation sehr gut funktioniert und auf beiden Seiten waren die eingebundenen Personen stets darauf bedacht, alle Aufgaben zeitnah und sorgfältig auszuführen. Die erstmalig durchgeführte Remote-Inbetriebnahme zeigt, dass auch widrige und nicht beeinflussbare Umstände nicht zu einem Abbruch/Stillstand eines Projekts führen müssen. Für die Zukunft hat die Remote-Inbetriebnahme Potential, beispielsweise um weniger eigene Personalressourcen beim Kunden vor Ort zu binden.

„Insgesamt hat aber die Remote-Inbetriebnahme in diesem Fall teils um ein zig-faches länger gedauert, da wir zunächst den Mitarbeiter des Kunden einweisen mussten. Für die Zukunft müssen wir in der Planung mit unserem eigenen Personal schauen, ob sich die Remote-Inbetriebnahme zeit- und kostentechnisch lohnt“, erläutert Kagleder die Zukunftsfähigkeit der Remote-Inbetriebnahme.
Dass sie unter widrigen Umständen eine Alternative ist, hat sich bereits gezeigt.


Mehr zum Reinraum-Portfolio unseres Gruppenunternehmens Schiller Automatisierungstechnik gibt es hier.

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